Der Wert von Kleidung

Gerade in „meinem“ Hobby ist es üblich Kleidung selbst zu nähen oder, so die Fähigkeiten dazu fehlen, von spezialisierten Handwerkerinnen und Handwerkern anfertigen zu lassen. In einschlägigen Social- Media- Kanälen tauchen in regelmäßigen Abständen mehr oder minder erfolgreiche Suchanfragen auf.

In der Vorweihnachtszeit finden sich in verschiedenen Orten Basare, auf denen selbst Gestricktes, Gehäkeltes und Geschneidertes verkauft wird.

Über eine auf (Kunst)Handwerk und Selber-machen spezialisterten Onlineverkaufsplattform kann all dass und noch viel mehr das ganze Jahr über erworben werden.

Dagegen ist „eigentlich“ nichts einzuwenden. Alles ist irgendwo Handwerk, das es zu unterstützen gilt. Billige industriell gefertigte Ramschware gibt es gerade im Bekleidungsbereich in Massen. Nur wundern mich die verlangten Preise für Handarbeit etwas, die bei genauer Betrachtung irgendwo zwischen Selbstausbeutung, Taschengeld und Drauflegen liegen. Wie ich darauf komme?

Nun, ich schneidere mittlerweile selbst auf recht gutem Hobbyniveau, von daher weiss ich wie lange ich für ein Kleidungsstück benötige, wie hoch der Materialbedarf ist und was ich dafür aufwenden muss. Für eine moderne Jacke benötige ich je nach Schnitt und Ausstattung etwa 3,5/ 4 lfm Stoff. Dafür verwende ich überwiegend Lodenstoffe, die ab 55 €/ lfm erhältlich sind. Somit bin ich allein für den Stoff bei 220 €. Soll die Jacke gefüttert werden kommen noch einmal knapp 80 € für den Futterstoff hinzu. Reißverschluss, Knöpfe, Klettband noch nicht eingerechnet. Nochmal 30 €. Alles zusammen 330 €. Erwähnte ich das Schnittmuster? Zusätzlich 20 € für Kauf und Druck. Also 350 € nur für das Material.

Dann kommt die Zeit ins Spiel. Wenn ich dran bleibe entsteht eine Jacke in 10- 14 Stunden. Würde ich nur den Mindestlohn als Basis rechnen, kämen 140 bis 195 € an Arbeitslohn obenauf.

Somit würde eine Lodenjacke unter realistischen Bedingungen zwischen 490 und 545 € kosten. Tatsächlich kommt der errechnete Preis solchen von gewerblichen Anbietern sehr nahe.

Ähnliches ist mir für Gestricktes bekannt. Wenn euch jemand ein handgestricktes Paar Socken für unter 20 € andient, passt etwas ganz und gar nicht. Ein Paar Socken mit einfachem Muster stricken dauert etwa 20 Stunden. Ein Knäuel qualitativ guter Sockenwolle ohne allzu hohen Polytieranteil kostet um die 10 €. Rechnen wir wieder.

20 Stunden x Mindestlohn 13,90 € sind wir bei knapp 280 €, zusammen mit der Wolle müsste ein Paar Socken unter realistischen Bedingungen 290 € kosten.

Erklärt mir jetzt bitte jemand, wie Preise von 12,90 € für handgestrickte Socken (aus Deutschland lt. Werbeaussage einer bekannten Verkaufsplattform) zustande kommen? Das passt einfach nicht.

Ich möchte euch einen Podcast von Kaptorga empfehlen, in dem unter vielen anderen Aspekten der Rekonstruktion historischer Kleidung genau dieser, nämlich das der Selbstausbeutung von Handwerkern besprochen wird. Gesprächspartner sind der Historiker Adam Nawrot von Kaptorga und die Textilarchäologin Dr. Karin Kania. Sehr lang, doch 1:30 h die sich wirklich lohnen.

Schaut selbst:

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